7
S C H I E D S R I C H T E R - Z E I T U N G 5 / 2 0 1 4
den Gegner ist er deutlich zu spät,
der Ball ist längst weg und für den
Iraner nicht mehr spielbar.
Auch wenn die Position des Balles –
wie sie in dieser Situation vorliegt –
ein Kriterium für einen Platzver-
weis darstellen könnte, so wäre
dieser in der Situation überzogen.
Denn bei dem Foulspiel liegt keine
übermäßige Härte vor, es ist kein
brutales Einsteigen des Iraners.
Vergleichbar dazu eine Szene aus
dem WM-Halbfinale
Niederlande
gegen Argentinien
:
In dem Spiel
hat sich der Niederländer Sneijder
den Ball vorgelegt
(
Foto 7)
.
Im
gleichen Moment kommt es zu
einem offen ausgetragenen Tritt
des Argentiniers Demichelis, eine
Attacke von vorne, quasi Auge in
Auge.
Wie in Szene 6 spielt bei dem
Angriff von Demichelis der Ball
keine Rolle mehr. Eine Attacke,
die ein typisches Beispiel für den
Begriff „rücksichtslos“ darstellt
und deshalb mit einer Gelben
Karte hätte bestraft werden müs-
sen.
Eine letzte Szene, welche die zu
großzügige Handhabung der Per-
sönlichen Strafen bei der Fußball-
Weltmeisterschaft zeigt, ist dem
Gruppenspiel
Brasilien gegen
Mexiko
entnommen.
Der Mexikaner Hernández steht
mit dem Rücken zum gegnerischen
Tor, als er im Sturmzentrum ange-
spielt wird
(
Foto 8a)
.
Brasiliens
Kapitän Thiago erkennt die brenzlige
Situation und versucht mit einer
Grätsche, den gegnerischen Stür-
mer um jeden Preis zu stoppen.
Das gelingt ihm auch. Allerdings
nicht, indem der Brasilianer den
Ball klärt, sondern indem er mit
seinem Angriff den Stürmer von
hinten umgrätscht.
Der Schiedsrichter unterbricht das
Spiel und ist sofort mit der Gelben
Karte zur Stelle. Als die Zeitlupe
läuft, bewertet ZDF-Kommentator
Béla Réthy das Foulspiel „an der
oberen Skala der gelben Möglich-
keiten, stark ins Orange gehend“.
Der Kommentator hat bei diesem
Foulspiel nämlich Merkmale ausge-
macht, die dafür sprechen, dass
„
Gelb“ nicht mehr ausreichend ist:
Der Brasilianer fliegt förmlich von
hinten in den Angreifer hinein,
ohne Chance, den Ball spielen zu
können.
Zudem sind bei der Grätsche das
Tempo und die Intensität sehr
hoch, eine Verletzung des Gegners
wird in Kauf genommen. Entschei-
dend hier – auch wenn es das
Foto 8b
nur erahnen lässt – ist die
Dynamik, mit der der Angriff auf
den Gegner ausgeführt wird.
Diese acht Szenen waren nicht die
einzigen bei der Weltmeisterschaft
in Brasilien, die aus Sicht der
Schiedsrichter-Experten die man-
gelhafte Einschätzung von Foul-
spiel und die zu seltene Anwen-
dung der Persönlichen Strafen
belegen.
Die Probleme zogen sich als „roter
Faden“ durch das Turnier, sagt
Herbert Fandel, der Vorsitzende
des DFB-Schiedsrichter-Ausschus-
ses. Er stellt klar, dass man dies so
nicht übernehmen werde: „Wir
erwarten von unseren Unpartei-
ischen, dass sie an der alten Kon-
sequenz festhalten.“
Foto 6a
Foto 6b
Foto 7
Foto 8a
Foto 8b
Brasiliens Thiago grätscht mit hoher Dynamik von hinten in
die Beine von Hernández...
...
und nimmt damit eine Verletzung des Mexikaners in Kauf.
Das ist rücksichtslos: Demichelis (links) tritt dem Niederlän-
der Sneijder in die Beine.
...
tritt er dem Argentinier in die Beine, nachdem dieser den
Ball in Richtung des Mitspielers gepasst hat.
Obwohl der Spieler des Irans (links, im roten Trikot) in dieser
Situation keine Chance hat, an den Ball zu gelangen,...