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S C H I E D S R I C H T E R - Z E I T U N G 5 / 2 0 1 4
Schiedsrichter Christian Jung nimmt die Spieler an die Hand: Körpernähe ist beim Blindenfuß-
ball besonders wichtig.
Um Chancengleichheit zu garantieren, tragen alle Spieler eine
Dunkelbrille, die von Patrick Sapountzoglou vor dem Spiel
kontrolliert wird.
Nichts sehen und Fußball spielen –
kann das funktionieren? Absolut;
wenn man die Regeln beachtet:
Zu jeder Mannschaft gehören
neben den vier blinden Spielern
ein sehender Torwart und zwei
ebenfalls sehende Coaches (die
sogenannten „Guides“), die außer-
halb des Spielfelds stehen und ihre
Mannschaft durch Zurufe wie
sechs zwei“ (Sechs Meter vor
dem Tor – zwei Gegenspieler)
unterstützen.
Um hohe Schüsse zu vermeiden
und den Spielern die Ortung zu
erleichtern, ist der Spielball
schwerer als ein gewöhnlicher
Fußball und enthält Schellen, die
bei jeder Bewegung Laute erzeu-
gen. Das Spielfeld ist 40 mal 20
Meter groß und von Banden
umrahmt, die in das Spiel mit ein-
bezogen werden dürfen.
Ein Schiedsrichter ohne
Gestik?
Nun liegt es in der Natur der Sache,
dass alle visuellen Eindrücke für
einen Blinden nicht sichtbar sind.
Doch welche Auswirkungen hat
das auf den Schiedsrichter, dessen
Autorität ja gerade durch diesen
Aspekt maßgeblich gestützt wird?
Natürlich ist es kein Vergleich zu
einem gewöhnlichen Spiel“, bestä-
tigt Christian Jung, der heute das
Spiel SF/BG Blista Marburg gegen
BFW/VSV Würzburg pfeift. „Mit
Mimik und Gestik kann man bei den
Spielern nichts erreichen – Ignorie-
ren funktioniert ebenfalls nicht.“
Deshalb sei die Kommunikation bei
einem Blindenfußballspiel noch
wichtiger als ohnehin schon.
Nach einem Foul erklärt Christian
beispielsweise dem Spieler immer
ganz genau, was er gemacht hat.
Zudem ist ein vierter Schiedsrich-
ter extra dafür da, während des
Spiels Ansagen zu machen, damit
einerseits die Zuschauer wissen,
was passiert ist, andererseits aber
auch alle Spieler darüber infor-
miert werden.
Während des Spiels sind soziale
und körperliche Nähe wichtig“,
verdeutlicht Christian, „du tippst
und sprichst die Spieler an. Wir
kennen die meisten mit Vornamen
und erreichen sie dadurch viel
besser.“
Das kann Patrick Sapountzoglou,
ebenfalls seit Jahren Schiedsrich-
ter im Blindenfußball, bestätigen.
Aber auch wenn die Gestik für die
Spieler nicht ersichtlich ist, gehört
sie aus seiner Sicht dennoch zu
einem professionellen Auftreten
dazu: „Die Körpersprache ist für
die ganze Atmosphäre, die
Zuschauer und Trainer wichtig und
hilft uns, Professionalität auszu-
strahlen.“
Im Unterschied zu einem gewöhn-
lichen Fußballspiel gibt es eine
weitere wichtige kommunikative
Aufgabe der Unparteiischen: das
Ermahnen zum „Voy“-Sagen.
Sobald der ballführende Spieler
angegriffen wird, muss der Gegen-
Die wichtigsten
Regeln
Fouls:
Man unterscheidet zwischen
persönlichen Fouls und Team-
fouls.
Spielzeit:
2
x 25 Minuten reine Spielzeit,
10
Minuten Pause.
Ausrüstung:
Kopfschutz (in Deutschland
verbindlich).
Mannschaft:
Vier blinde Spieler und ein
sehender Torwart, der seinen
begrenzten Strafraum nicht
verlassen darf.
Zuschauer:
Sie müssen während des Spiels
leise sein, damit die Kommuni-
kation auf dem Platz nicht
gestört wird – erlaubte Aus-
nahme ist der Torjubel. Viele
Zuschauer tragen Kopfhörer,
durch die der Moderator das
Spiel kommentiert.
Schiedsrichter:
Auf dem Platz gibt es zwei
Schiedsrichter, zudem einen
Offiziellen bei den Trainerbän-
ken sowie einen für Platz-
durchsagen.
Hintergrund