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S C H I E D S R I C H T E R - Z E I T U N G 4 / 2 0 1 4
Titelthema
Sechs Handlungsempfehlungen
haben die Saarbrücker Wissen-
schaftler dem DFB und seinen Lan-
desverbänden in ihrer Studie mit
auf den Weg gegeben.
Wir fragen Andreas Thiemann,
Regional-Obmann des Westdeut-
schen Fußball- und Leichtathletik-
verbandes (WFLV) und in der DFB-
Schiedsrichter-Kommission Ama-
teure zuständig für Gewinnung
und Erhalt von Unparteiischen,
nach seinem Fazit.
Handlungsempfehlung 1:
Präventions-Training
„
Um die Verletzungsgefahr bei
Schiedsrichtern zu verringern,
wäre ein Präventions-Training zu
empfehlen. Dieses Training könnte
den Schiedsrichtern als Muster-
Trainingsplan zur Verfügung
gestellt werden.“
Andreas Thiemann:
Schiedsrichter
sind längst nicht mehr nur die
Unparteiischen auf dem Platz. Die
gestiegenen Anforderungen erfor-
dern auch in den Amateurklassen
athletische, trainierte und auf
ihren Körper achtende Akteure.
Seit einiger Zeit tragen gezielte
Fortbildungsangebote dieser Tat-
sache Rechnung. Den Schiedsrich-
tern werden auf Stützpunkten,
Lehrgängen in den Verbänden und
auch in der Schiedsrichter-Zeitung
Trainingspläne angeboten und
Übungen zur Vermeidung von Ver-
letzungen an die Hand gegeben.
Es müssen mit den sportmedizini-
schen Experten weitere Trainings-
module entwickelt werden. Vor
allem solche, die unsere vielen
Schiedsrichter an der Basis leicht
umsetzen können.
Handlungsempfehlung 2:
Praxis-Schocks vermeiden
„
Eine praxisnähere Ausrichtung
der Ausbildung wäre empfehlens-
wert. Außerdem wäre eine Art
‚
Paten-Programm’ denkbar, bei
dem junge und unerfahrene
Schiedsrichter von erfahrenen Kol-
legen begleitet und unterstützt
werden.“
Thiemann:
Die Schiedsrichter-Aus-
bildung ist zunächst einmal theore-
tisch ausgerichtet. Mit den Grund-
kenntnissen zum Regelwerk
machen die Neulinge ihre ersten
Erfahrungen bei ihren Spielleitun-
gen.
Viele Schiedsrichter-Gruppen
begleiten ihre Anfänger bereits
durch Paten im Rahmen ihrer Mög-
lichkeiten. Das führt oft auch zum
Erfolg.
Gegen Anfeindungen von außen
sind aber auch die Paten oft macht-
los. Und es kann auch nicht die Auf-
gabe eines Paten sein, für Ruhe auf
dem Spielfeld zu sorgen. Hier muss
ein Umdenkungs-Prozess bei allen
Aktiven einsetzen, bei den Eltern,
Betreuern und Trainern.
Handlungsempfehlung 3:
Maßnahmen gegen Gewalt
ergreifen
„95
Prozent der Schiedsrichter
wurden bereits beleidigt, 57 Pro-
zent bedroht und 22 Prozent wur-
den gewaltsam angegangen. Den
Schiedsrichtern sollte bei solchen
Vorfällen ein ausreichendes Betreu-
ungsangebot zur Verfügung stehen.
Denkbar wäre etwa, den Vereinen
aufzuerlegen, einen Schiedsrichter-
Betreuer zu benennen, der für die
Sicherheit der Unparteiischen ver-
antwortlich ist.“
Thiemann:
Auch hier bedarf es
eines Schulterschlusses zwischen
allen am Fußball Beteiligten. Gewalt
darf niemals verharmlost werden,
nie darf der Eindruck entstehen,
dass Gewalt toleriert wird.
Wer Gewalt ausübt, schadet unse-
rem Sport, schadet der Faszination
Fußball. Fußball spielt man mit dem
Herzen und nicht mit den Fäusten.
Andreas Thiemann nimmt für
die Schiedsrichter-Zeitung
Stellung zu den zentralen
Aussagen der Studie.
Die Studie im Praxis-Check
Andreas Thiemann bewertet die Ergebnisse
„
Wir sind davon ausgegangen,
dass die Antworten auf diese Fra-
gen den DFB sehr interessieren
würden“, erklärt Eike Emrich,
„
schließlich sollen die Ergebnisse
dazu dienen, die Situation der
Schiedsrichter im DFB und dessen
Mitgliedsverbänden zu verbessern
und außerdem dem DFB und sei-
nen Landesverbänden bessere
Instrumente für die Gewinnung
und Bindung von Schiedsrichtern
an die Hand zu geben.“
Von Juli bis September 2013 war
der Online-Bogen freigeschaltet.
Knapp 5.000 Schiedsrichter betei-
ligten sich, rund fünf Prozent von
ihnen waren Frauen. Vertreten
waren Referees aller Leistungs-
niveaus, von der FIFA-Liste bis zum
Kreislevel. Die unerfahrensten
Schiedsrichter waren in ihrem
ersten, der erfahrenste Kollege gar
in seinem 63. Schiedsrichter-Jahr.
Für Eike Emrich und Christian Rul-
lang also eine Menge Material, das
es anschließend auszuwerten galt.
Die Ergebnisse sollten den Auf-
wand jedoch rechtfertigen.
Die Ergebnisse
Interessant für die Forscher waren
zunächst die unterschiedlichen
Rekrutierungswege neuer Schieds-
richter. Hierbei stellte sich heraus,
dass es – von kuriosen Begründun-
gen wie „Wette“ abgesehen – vor
allem drei Faktoren sind, die die
meisten zur Laufbahn als Unpar-
teiische führen:
Vereinsbindung
Karriere
Nähe zum Fußball
Eike Emrich: „Überraschend für
uns war zu sehen, wie oft der Weg
zum Schiedsrichter eher zufällig
geschieht – man wird angespro-
Praxis-Schock: Für viele Schiedsrichter sind insbesondere die
ersten Einsätze eine enorme Herausforderung.