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S C H I E D S R I C H T E R - Z E I T U N G 5 / 2 0 1 4
Blick in die Presse
Arne Richter und Ulrike John
set-
zen sich für die Deutsche Presse-
Agentur kritisch mit der Leistung
des WM-Endspiel-Schiedsrichters
auseinander.
Um Bastian Schweinsteigers
Gesundheit bangten am Ende
alle deutschen Fans. Der bereits
verwarnte Javier Mascherano
war dem deutschen Mittelfeld-
Strategen in der Verlängerung
des WM-Endspiels zweimal rabiat
in die Beine gefahren - ohne
Gelb/Rot“ zu bekommen. Dann
traf ihn der ebenfalls schon ver-
warnte Sergio Agüero so heftig im
Gesicht, dass dem Bayern-Profi das
Blut übers Gesicht lief. Und an der
Seitenlinie tobten nicht nur Sami
Khedira und Joachim Löw. Der
Bundestrainer hatte bei der WM
längst gefordert, die Spieler bes-
ser zu schützen.
Schiedsrichter Nicola Rizzoli aus
Italien sah jedoch offenbar keine
Notwendigkeit, massiv einzugrei-
fen. Ein Verhalten, dass sich von
vielen Referees wie ein roter
Faden durch das Turnier zog,
heftige Kritik provozierte und
einen Tiefstwert von 2,8 Gelben
Karten im Durchschnitt pro Spiel
seit 1986 ergab.
Energisch hatte sich die FIFA
gegen Gerüchte gewehrt, dahinter
stecke ein System. Der Weltver-
band müsse und werde die Spieler
schützen, versprach man. Rizzoli
leistete mit seiner laxen Pfeiferei
dazu keinen Beitrag. Dabei galt
er bislang als Unparteiischer, der
schnell den gelben Karton zückt -
und er hatte vor dem Finale voll-
mundig behauptet, er wolle der
beste Referee der Welt sein.
Löw hatte sich schon vor dem
Halbfinale kritisch über die
Entwicklung geäußert, den Gelbe-
Karten-Zwang bei bestimmten
Spielsituationen aufzuweichen.
Wenn diese so weitergehe und
man die rustikalen Fouls nicht
unterbinden würde, bräuchte
man irgendwann keine Neymars,
Messis, Özils, Götzes oder Reus’
mehr, „sondern nur Zerstörer. Und
das ist gefährlich“.
Der Final-Referee handelte in der
entscheidenden Spielphase nicht
im Sinne Löws. Mehrfach ließ Riz-
zoli nicht nur harte Fouls ohne
Verwarnung durchgehen, sondern
auch permanentes Trikotziehen.
Ausgerechnet der später so übel
behandelte Schweinsteiger sah in
der ersten Halbzeit nach einem
verhältnismäßig harmlosen Foul
hingegen „Gelb“ und diskutierte
noch in der Halbzeit mit Rizzoli
darüber. Nach alten Maßstäben
wäre dies vertretbar gewesen - im
Vergleich zu anderen WM-Verfeh-
lungen war die Verwarnung ein
Witz.
Klagen über den Referee gab es
von deutscher Seite im allgemei-
nen Jubel um den WM-Titel nicht -
aber aus Argentinien. Da fühlte
man sich nach der 0:1-Niederlage
gar von einem bösen Geist von
1990
eingeholt, einem Geist
namens Edgardo Codesal. Der
mexikanische Schiedsrichter hatte
damals im WM-Finale bei Rudi Völ-
lers Sturzflug den Elfmeter gepfif-
fen, den Andreas Brehme zum 1:0
verwandelte. „Der italienische
Codesal“, schrieb die Sportzeitung
Olé“ über Rizzoli. „Er raubte uns
die Illusion, Weltmeister zu wer-
den.“
Im Maracanã hatte Torhüter
Manuel Neuer in der 56. Minute
den Ball weggeboxt, wobei er
Gonzalo Higuaín mit seiner ganzen
Wucht umstieß. Argentiniens
Mascherano wollte aber nicht
über einen nicht gegebenen Straf-
stoß lamentieren. „So wie wir es
verstehen zu gewinnen, müssen
wir auch verlieren können. Der
Schiedsrichter hat nichts beein-
flusst“, sagte der Barcelona-Profi.
Und durfte froh sein, dass das
Finale für ihn nicht mit einem
zwingend notwendigen Platzver-
weis geendet hatte.
Ralf Pollmann
berichtet in der
Westdeutschen Allgemeinen Zei-
tung über die Reaktionen auf
einen Beschluss des Westdeut-
schen Fußball- und Leichtathletik-
verbandes (WFLV), nach dem des
Innenraums verwiesene Trainer
sofort eine Geldstrafe bezahlen
müssen. Das reicht von 50 Euro
in der Kreisliga bis zu 150 in der
Regionalliga West.
Dirk Juch weiß, dass die kommende
Saison für ihn eine teure Angele-
genheit werden könnte. „Aber
Emotionen gehören nun mal zum
Fußball, da werde ich mich nicht
ändern“, sagt der Trainer des
A-Ligisten BW Dingden. In der ver-
gangenen Bezirksliga-Spielzeit
habe er „öfter hinter die Bande
gemusst“. Und dies kostet nun.
Denn während bisher die Sanktio-
nen für den Innenraumverweis des
Coaches durch den Schiedsrichter
im Ermessen des Staffelleiters
lagen – er konnte auch nur einen
Verweis aussprechen – so werden
nach Klassen gestaffelte Geldstra-
fen nun obligatorisch. Dieser Bei-
ratsbeschluss des Westdeutschen
Fußball- und Leichtathletikverban-
des (WFLV) gehört ab dem 24. August
auch zur Spielordnung im Bereich
des Niederrheins.
Verweise gibt es nicht mehr.
Stattdessen besteht eine Pflicht,
direkt ein Ordnungsgeld zu ver-
hängen“, erklärt Wolfgang Jades,
Vorsitzender des Fußballausschus-
ses im Fußballverband Niederrhein
(
FVN). Neben der Sperre nach fünf
Gelben Karten ist dies die zweite
weitreichende Änderung in der
kommenden Saison. „Damit sollen
die Trainer an die Kandare genom-
men werden, um sich nicht mehr
so aufzuregen“, sagt Jades. Für
Wiederholungstäter“ ist auch eine
Verdopplung der Strafe vorgese-
hen.
Einer, der wohl kaum die Geldbörse
wird zücken müssen, ist dabei Uli
Kley-Steverding. Der sehr ruhige
Vertreter beim Bezirksliga-Abstei-
ger GW Lankern hatte „bisher noch
keine Probleme; ich bin noch nie
hinter die Bande verwiesen wor-
den“. Und dies immerhin nach
nunmehr bereits zwei Jahrzehnten
im Trainer-Geschäft. Der 48-Jährige
räumt natürlich ein, dass „man
sich schon mal aufregt, aber ich
würde nie jemanden persönlich
attackieren. Außerdem habe ich
noch nie erlebt, dass ein Schieds-
richter eine Entscheidung zurück-
nimmt.“
Mit den nun obligatorischen Geld-
strafen nicht anfreunden kann sich
Roger Rütter. „Wenn ich einen
Unparteiischen beleidige oder aus-
fallend ihm gegenüber werde,
dann ist eine Strafe richtig“, sagt
der Coach des Landesligisten
PSV Lackhausen. Allerdings wünscht
sich der 39-Jährige ein wenig mehr
Fingerspitzengefühl bei den Spiel-
leitern. „Wenn ich eine andere Mei-
nung habe, dann sollte die auch
akzeptiert werden“, regt Rütter an.
Dafür muss man den Trainer nicht
direkt runterwerfen.“
Als mittlerweile älter und auch
zurückhaltender“, beschreibt sich
Steffen Herden. „In den letzten
zwei, drei Jahren bin ich nicht
mehr hinter die Bande geschickt
worden. Bei mir wird auch nichts
mehr vorkommen“, sagt der Coach
des A-Liga-Aufsteigers SV Brünen.
Außerdem bricht er eine Lanze für
die pfeifende Zunft. „Die Schieds-
richter haben ein Händchen dafür
entwickelt, nicht mehr bei jeder
Kleinigkeit Strafen auszuspre-
chen“, so Herden. Für ihn ist der
Trainer auch in einer Vorbild-Funk-
tion.
Als schon „sehr emotional“
beschreibt sich Aycin Özbek. Aller-
dings eher „positiv emotional.
Ich weiß genau, wie schwer es die
Schiedsrichter haben. Deshalb ver-
suche ich sie zu unterstützen“,
erläutert der Trainer der in der
Bezirksliga spielenden Reserve des
PSV Lackhausen. Deshalb werde er
mit der neuen Regelung „über-
haupt keine Probleme“ haben.
Rizzoli schützt
Spieler nicht
Trainer werden
sofort zur Kasse
gebeten