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S C H I E D S R I C H T E R - Z E I T U N G 5 / 2 0 1 4
Free Hugs für den Schiri
In seiner langen Erfahrung als
Blindenfußball-Schiedsrichter hat
Niels Haupt schon viel erlebt. Ein
Ereignis, das ihm besonders im
Gedächtnis geblieben ist, könnte
direkt aus einem Hollywood-Film
stammen:
Paralympics 2012 in London, Niels
ist als deutscher Schiedsrichter im
Einsatz. Er pfeift unter anderem
das Eröffnungsspiel Spanien gegen
Großbritannien. In einer Szene
nutzt der britische Kapitän David
Clarke seine Chance und schießt
unter dem lautstarken Jubel der
Zuschauer ein wunderschönes Tor.
Der glückliche Torschütze dreht
ab und will zu seiner jubelnden
Mannschaft laufen, sieht jedoch
nicht den Unparteiischen, der in
seinem Weg steht. Niels erinnert
sich, wie er mit dem Kapitän
zusammenstieß: „David dachte,
ich sei ein Mitspieler und umarmte
mich.“
Das Bild, auf dem der Kapitän den
Schiedsrichter in die Arme
schließt, erscheint am darauffol-
genden Tag als „picture of the
day“ in allen britischen Tageszei-
tungen. Es sind Erzählungen wie
diese, die die Arbeit der Blinden-
fußball-Schiedsrichter so einzig-
artig machen.
Auf die Frage, wie der Spieler rea-
giert habe, als man ihn über die
Verwechslung aufklärte, schildert
Haupt amüsiert, wie er beim
nächsten Treffen mit ihm witzelte,
dieses Mal solle er ihn aber nicht
umarmen. Clarks belustigte Ant-
wort: „Hey, du kannst mir dankbar
sein – ich habe dich berühmt
gemacht!“
Humorvoller Umgang mit
der eigenen Behinderung
Niels Haupts Erzählung ist jedoch
kein Einzelfall, jeder der Blinden-
fußball-Schiedsrichter hat bereits
Ähnliches erlebt. Sie erzählen, wie
der Schiedsrichter beim Aufwär-
men die Mannschaft gefragt hat,
was sie später für Trikots tragen
und die heitere Antwort eines blin-
den Spielers erhält: „Gelb, siehste
das nicht?“
Auch der eigentlich triviale Satz
„
Sorry, hab‘ dich nicht gesehen“
zeigt, wie locker die Spieler mit
ihrer Behinderung umgehen.
„
Manchmal lachen sie sich nach
diesem Satz kaputt“, grinst
Patrick.
Keine Sonderbehandlung
gewünscht
Selbstverständlich habe jeder der
Schiedsrichter zu Beginn sehr viel
Respekt vor den Behinderungen
gehabt: „Mit Behinderten hatten
die meisten von uns noch nicht
gearbeitet, aber wir Schiedsrichter
sind ja für unsere offene Art
bekannt“, schmunzelt Haupt.
Natürlich habe man sich gefragt:
„
Wie geht man mit denen um?“
„
Dabei“, fügt Niels hinzu und dreht
sich zu einem weiteren Schieds-
richter um, „ist die Antwort ganz
einfach, stimmt’s?“ Dessen Ant-
wort kommt von Herzen: „Als ob es
Sehende wären. So wollen sie es
auch.“
Es ist inzwischen Halbzeit, die
Schiedsrichter ziehen sich zu einer
kurzen Teambesprechung zurück.
Am Spielfeldrand steht die Freun-
din eines Spielers: „Es ist sein
größtes Hobby!“, strahlt sie.
„
Neben dem Teamgedanken ist
auch das körperliche Auspowern
sehr wichtig. Er genießt es, einfach
mal rennen zu können!“
Auch die freiwilligen Helfer sind
durch die erste Halbzeit beein-
druckt. Einer meint: „Es ist außer-
Am Spielfeldrand überwacht ein weiterer Offizieller die Spiel-
zeit und führt den Spielbericht.
Die Schiedsrichter Patrick Sapountzoglou und Christian Jung
sehen sich als Botschafter des Blindenfußballs.
gewöhnlich, wie sie sich hier rein-
hängen und ihre Behinderung ver-
gessen. Das ist so faszinierend, es
sollte im Vorfeld viel mehr bewor-
ben werden!“
Was die Schiedsrichter
antreibt
Schiedsrichter-Obmann Niels
Haupt kann dies nur bestätigen:
„
Wir sehen uns schon so ein biss-
chen als Botschafter des Blinden-
fußballs – unser Ziel ist es, Blin-
denfußball in die Breite zu brin-
gen.“ Der Sport sei eine tolle Mög-
lichkeit, Menschen mit Behinde-
rung noch mehr in die Gesellschaft
zu integrieren.
Menschen helfen - dieser soziale
Aspekt wird von allen drei Schieds-
richtern als persönliche Motivation
genannt. „Mir persönlich hat es
geholfen, mit Behinderten in Kon-
takt zu kommen“, erzählt Patrick
Sapountzoglou. Das kommt im All-
tag ja doch eher selten vor.“ Auch
die Besonderheit, dass beim Blin-
denfußball zwei Schiedsrichter auf
dem Platz stehen, sei eine neue
Möglichkeit, betont Haupt: „Mir
gefällt der Teamgedanke, da man
sonst ja eher ein Einzelkämpfer
auf dem Platz ist.“
Den wohl größten Vorteil eines
Blindenfußball-Schiedsrichters
bringt Patrick recht plakativ auf
den Punkt: „Als normaler Schieds-
richter bist du manchmal der
‚
Depp’ auf dem Platz. Natürlich hat
man über die Jahre gelernt, sein
Ding zu machen und trotzdem
seine Leistung abzurufen, aber
die blinden Spieler nehmen dich
als Schiedsrichter sehr viel erns-
ter.“
„
Klar“, gibt er zu, „manchmal
sind auch sie nicht mit der Ent-
scheidung einverstanden, aber
man ist viel eher akzeptiert -
deswegen macht das Ganze ja so
viel Spaß! Man ist hier mehr oder
weniger schon eine große Familie
geworden“, setzt Patrick nach,
„
das ist auch ein Grund, warum ich
niemals damit aufhören möchte.“
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