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S C H I E D S R I C H T E R - Z E I T U N G 5 / 2 0 1 4
Im Gespräch mit dem Bundesliga-Aufsteiger
Fast 17 Jahre ist es her, dass
Sascha Stegemann als damals
Zwölfjähriger die Schiedsrichter-
Prüfung abgelegt hat. Eine lange
Laufbahn, die nun mit dem Auf-
stieg in die Bundesliga einen wei-
teren Höhepunkt findet.
Sascha, wie überraschend kam
für dich der Aufstieg in die
Bundesliga?
Sascha Stegemann:
Eine Perso-
nal-Entscheidung wie ein Auf-
stieg hängt stets von vielen Fak-
toren ab und ist für den aktiven
Schiedsrichter dementsprechend
nicht wirklich planbar.
Auch wenn das Feedback zu mei-
nen Spielleitungen auf DFB-
Ebene in den vergangenen Jah-
ren unter dem Strich meistens
positiv war, habe ich immer ver-
sucht, das große Ganze zu sehen,
von Spiel zu Spiel zu denken und
mich persönlich weiterzuentwi-
ckeln – auch wenn man bei guten
Leistungen natürlich immer dar-
auf hofft, irgendwann einmal den
nächsten Schritt machen zu dür-
fen.
Erst vor drei Jahren bist du in
die 3. Liga aufgestiegen – danach
ging es unheimlich schnell wei-
ter...
Stegemann:
In der Tat, ich leitete
nur sechs Spiele in der 3. Liga,
danach innerhalb von zweiein-
halb Jahren 19 Spiele in der 2. Bundes-
liga und jetzt der Aufstieg in die
nationale Spitze – da muss ich mich
hier und da auch selbst einmal knei-
fen, um das zu glauben.
Dabei warst du eigentlich ein Spät-
zünder gewesen...
Stegemann:
Ja, das ist wahr. Erst im
Alter von 24 Jahren kam ich in die
Verbandsliga. Dort war der Großteil
der anderen Kameraden um die
20
Jahre alt – und hatte zum dama-
ligen Zeitpunkt die deutlich bessere
Perspektive. Daher habe ich mir
gedacht: Das ist jetzt deine aller-
letzte Chance, die musst du nutzen!
Dass es dann aber so rasant auf-
wärtsgehen würde, hätte ich mir
nicht erträumt.
Was hat dir bei deiner Entwicklung
geholfen?
Stegemann:
Ich glaube, dass es gut
war, dass ich gerade in den unteren
Klassen viele Jahre lang das Schieds-
richtern von der Pieke auf gelernt
hatte. Dort musste ich mich gegen
ältere Spieler durchsetzen und die
Ellenbogen ausfahren. Auf dieses
Fundament konnte ich dann später
aufbauen.
Wer hat dich auf dem Weg in die
Bundesliga geprägt?
Stegemann:
In meiner Schiedsrich-
ter-Laufbahn haben mich einige
Leute geprägt – und so haben mit
Sicherheit viele Weggefährten auf
Kreis-, Verbands- und DFB-Ebene
auch ihren Anteil an meinem sport-
lichen Erfolg.
Neben den Verantwortlichen in der
Schiedsrichter-Kommission, die es
mir in den vergangenen Jahren
ermöglicht haben, im Profifußball
Fuß zu fassen, war es aber vor allem
unser ehemaliger Regionalver-
bands-Obmann Jürgen Weber, der
bei einem Sichtungsturnier in Duis-
burg auf mich aufmerksam wurde.
Er hat mir Ende 2008 die Chance
gegeben, mich nach guten Leis-
tungen in der B-Junioren-Bundesliga
auch in überregionalen Herren-
Spielklassen zu präsentieren –
rückblickend betrachtet war dies
ein entscheidender Impuls für
meine „Laufbahn“.
Am meisten geprägt aber hat
mich vermutlich mein Coach Rai-
ner Werthmann, mit dem ich nun-
mehr schon seit November 2008
zusammenarbeite. Insbesondere
ihm habe ich einiges zu verdan-
ken.
Was unterscheidet dich von den
anderen 22 Unparteiischen in der
Bundesliga?
Stegemann:
Dies lässt sich so
pauschal nicht sagen – mögli-
cherweise betreibe ich jedoch in
punkto Spielvorbereitung mit
den höchsten Aufwand. Ich ver-
suche, möglichst wenig dem
Zufall zu überlassen und mich so
detailliert wie möglich auf meine
Spiele vorzubereiten.
Ich informiere mich beispiels-
weise über die eventuelle takti-
sche Ausrichtung der beteiligten
Mannschaften sowie einzelne
Spielertypen und gehe vorab
gedanklich durch, was mich ver-
mutlich erwarten wird.
Nichtsdestotrotz weiß ich aber
auch, dass die Wahrheit, trotz
aller Vorbereitung, am Ende des
Tages auf dem Platz liegt – und
ein Spiel plötzlich einen ganz
anderen Verlauf nehmen kann,
als dies im Vorfeld zu erwarten
war.
Vom Spätzünder zum Durchstarter
Sascha Stegemann aus
Niederkassel (FV Mittelrhein)
ist das neue Gesicht in der
Bundesliga.
Dass ein Stürmer einen Verteidiger
durch seine bloße Anwesenheit
irritiert und damit „beeinflusst“,
ist nicht möglich. Geht allerdings
ein Spieler aus dem Abseits in
einen
Zweikampf um den Ball,
dann ist dies strafbar.
Geht dagegen ein Verteidiger
bewusst zum Ball und spielt diesen
so, dass er anschließend zu einem
zuvor Abseits stehenden Stürmer
gelangt, dann liegt keine strafbare
Abseits-Stellung vor, da das Spie-
len des Balles durch den Verteidi-
ger eine neue Spielsituation dar-
stellt – selbst wenn die Aktion des
Verteidigers möglicherweise ver-
unglückt war.
Hiervon abzugrenzen ist die Abwehr
eines Torschusses durch einen Ver-
teidiger. Prallt der Ball nach einer
Torschuss-Abwehr zu einem zuvor
Abseits stehenden Stürmer, dann
ahndet der Schiedsrichter dies als
strafbare Abseitsstellung.
Torwartspiel:
Der Torwart hat im
Torraum keine Sonderrechte – auch
wenn sich diese inzwischen veral-
tete Regel bis heute immer noch
als Gerücht hält. Entscheidend ist:
Haben beide Spieler – Torwart und
Stürmer – die Intention, an den
Ball zu gelangen?
Wenn allerdings der Stürmer dem
Torwart in den Körper springt oder
ihn behindert, dann muss der
Schiedsrichter selbstverständlich
intervenieren und auf Stürmerfoul
entscheiden.
***
Diskutiert wurde in Grassau natür-
lich auch über das bei der Welt-
meisterschaft ins Rampenlicht
gerückte Freistoß-Spray. „Wir
Schiedsrichter sind immer offen
für Neuerungen, die uns in unserer
Arbeit unterstützen“, sagte Lutz
Michael Fröhlich.
Und Herbert Fandel fügte an, zu
diesem Thema das Gespräch mit
der Spitze von DFB und DFL zu
suchen: „Zudem bin ich gespannt,
wie sich das Spray in den Spielen
der Champions League bewährt.“
Mit dem Freistoß-Spray allein, da
waren sich alle Beteiligten einig, ist
es jedoch nicht getan. „Es gehört
immer die nötige Autorität des
Schiedsrichters dazu. Auch das hat
die WM gezeigt“, sagte Fandel.