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S C H I E D S R I C H T E R - Z E I T U N G 4 / 2 0 1 4
Analyse
Arm vorher, für Michel wegen der
Simulation einer Tätlichkeit.
Was könnte der Grund sein für diese
Fehleinschätzung des Schiedsrich-
ter-Teams? Beide Unparteiische
standen im Moment des Gesche-
hens so, dass sie jeweils auf den
Rücken eines der beiden Spieler
schauten. Sie konnten also das
wirkliche Geschehen, das sich –
im wahrsten Sinne des Wortes –
zwischen den Kontrahenten
abspielte, nicht erfassen.
Dabei gilt doch die eiserne Regel:
Nur was der Unparteiische wirklich
gesehen hat, darf er zur Grundlage
seiner Entscheidung machen. In
diesem Fall hat der Assistent etwas
in die Situation hineininterpretiert
(
Köpfe dicht beieinander, ein Spie-
ler stürzt schreiend zu Boden), was
er in ähnlichen Fällen schon einige
Male gesehen haben mag. Wer sich
aber bei seinen Entscheidungen
auf das weite Feld der Interpreta-
tionen oder Wahrscheinlichkeiten
begibt, kommt schnell vom rechten
Weg ab.
***
Im dritten Fall geht es ebenfalls um
eine Täuschung, allerdings nicht
um die Simulation eines Vorgangs
durch einen Spieler. Hier geht es
um die falsche Erwartung, die ein
Schiedsrichter-Assistent aus einem
Bewegungsablauf ableitet.
Die Situation trug sich beim Spiel
Dynamo Dresden gegen den Karls-
ruher SC (32. Spieltag)
zu. Karlsru-
hes Stürmer Manuel Torres läuft von
rechts hinter einem langen Einwurf
her in den Dynamo-Strafraum, der
Ball prallt vor ihm auf. Gegenspie-
ler Romain Brégerie springt dem
Karlsruher entgegen. Dabei hat er
beide Unterarme seitlich neben
seinem Kopf erhoben
(
Foto 3a)
.
Torres will nun den Ball über Brége-
rie hinweg Richtung Tor spielen.
Dabei trifft er den Dresdner im
Gesicht
(
Foto 3b),
der Ball fliegt ins
Aus. Torres und ein Mitspieler
reklamieren sofort „Handspiel“.
Der Schiedsrichter-Assistent hat
einen freien Blick auf die Situation
und zeigt dem Schiedsrichter mit
offener Fahne einen Strafstoß
wegen Handspiels an – eine Ent-
scheidung, die der Schiedsrichter
sofort übernimmt. Er hatte auf-
grund seiner Position den Vor-
gang nicht klar erfassen können.
Dabei wäre für ihn eine bessere
Sicht durchaus erreichbar gewe-
sen. Allerdings hat er nicht antizi-
piert, welch gefährliche Situation
aus dem weiten Einwurf in den
Strafraum entstehen könnte und
ist deshalb im „Geh-Modus“ geblie-
ben, statt sich im Sprint näher an
die „Gefahrenzone“ zu begeben.
Und auch der (schwerer wiegende)
Fehler des Assistenten hat etwas
mit der Vorausahnung, also der
Antizipation eines Geschehens zu
tun. Es ist ja im Prinzip sehr hilf-
reich, aus Erfahrung mit einem
bestimmten Ablauf rechnen zu
können. Wir haben darüber in der
„
Analyse“ der vorigen Ausgabe der
Schiedsrichter-Zeitung ausführlich
geschrieben.
Dabei haben wir aber auch darauf
hingewiesen, dass die Technik
des Antizipierens eine Gefahr
birgt, die sich in dieser Spielsitua-
tion deutlich gezeigt hat: Der Assis-
tent hat von den erhobenen Armen
des Dresdner Spielers auf ein
gleich eintretendes Handspiel
geschlossen. Er war sozusagen
innerlich vordisponiert, im nächs-
ten Moment dieses Handspiel zu
„
sehen“.
Dass es nicht stattfand, beweisen
die Bilder.
***
In den Fußball-Regeln, die für alle
gelten, die unmittelbar (auf dem
Spielfeld) und mittelbar (auf den
Ersatzbänken) am Spiel beteiligt
sind, heißt es: „Der Trainer und alle
übrigen Personen, die sich in der
‚
Technischen Zone‘ aufhalten, müs-
sen sich jederzeit korrekt verhal-
ten.“
Für den Fachbegriff „Technische
Zone“ hat sich landläufig der Aus-
druck „Coaching Zone“ etabliert.
Das ist auch gut so, denn er drückt
präziser das aus, was hier gesche-
hen soll und darf: Der Trainer kann
Ganz nahe kommen sich der Cottbuser Michel und sein
Kontrahent Roshi,…
…
bevor Michel sich blitzartig zu Boden fallen lässt.
Als Torres schießt, hat Brégerie schon beide Arme gehoben.
Einen Augenblick später bekommt der Dresdner den Ball an
den Kopf.
Foto 2a
Foto 2b
Foto 3a
Foto 3b